Hl. Abend

Ich wünsche euch allen ein besinnliches und gesundes Weihnachtsfest!

Wie versprochen meine neueste Weihnachtsgeschichte.

Überfordert

Für klein Eva waren die vergangenen Monate sehr belastend. Immer wieder musste ihr Mama erklären, warum sie nicht in den Kindergarten gehen darf. Warum sie ihre Freundinnen nicht besuchen kann und warum Oma und Opa meist nur noch mit ihr telefonieren, oder ihr von der Ferne zuwinken. Uroma, die in einer anderen Stadt wohnte, durfte sie gar nicht mehr sehen, und dann hat man ihr erzählt, Uri sei gestorben, und lebe jetzt als Engel im Himmel. Das machte das Mädchen sehr, sehr traurig.

„Mama, fällt Weihnachten dieses Jahr wegen Corona aus?“, wollte Eva wissen. „Nein, mein Schatz, wir feiern auch dieses Jahr Weihnachten, nur anders“, tröstete sie die Mutter.

„Letztes Jahr hat Uri noch mit uns gefeiert, dann habe ich sie nie mehr gesehen, flüsterte das Mädchen traurig,“ eine dicke Träne rann über das kleine Gesichtchen. „Mama nahm ihre Tochter ganz fest in den Arm. „Schau Eva, Uroma war schon sehr alt, da sterben Menschen,“ meinte die Mutter. „Viele Menschen werden nicht 95 Jahre alt. Der liebe Gott hatte Uri sehr lieb, und sie konnte bis zum Schluss ohne fremde Hilfe leben, musste in kein Heim oder Krankenhaus.“ „Ich weiß“, schluchzte das Mädchen.  „Sind Oma und Opa auch schon sehr alt und müssen bald sterben, und darf ich sie jetzt wegen Corona gar nie mehr sehen?,“ fragte die Kleine. Mutter antwortete, „niemand weiß, wann wir gehen müssen, nur der liebe Gott.“

„Feiern wir wenigstens Weihnachten mit all den anderen zusammen, wie letztes Jahr,“ wollte Eva noch wissen. „Mit Tante Ludmilla, Onkel Franz und Toni und Andreas, Oma und Opa, mit Omama Hilde und Tante Ruth und Lilli. Kommt deine Freundin Monika uns wieder aus der Schweiz besuchen und ….“

„Halt meine Süsse“, unterbrach Mama sie, „ich glaube nicht, dass wir genauso Weihnachten wie letztes Jahr feiern können und dürfen.“

Aber, wenn alle einen Mundschutz tragen, Mama, dann dürfen sie doch zu uns kommen, bitte, bitte, bitte,“ bettelte das Kind. Die Mutter schüttelte nur den Kopf und strich ihrer Kleinen über den Rücken. „Ach Schatz, ich weiß auch nicht was da in Zukunft noch auf uns zukommen wird,“ sagte sie, „lass dich einfach mal überraschen.“ Sie streichelte ihrer Tochter liebevoll übers strohblonde Haar und verschwand eilig Richtung Küche, damit Eva die Tränen in ihren Augen nicht sehen konnte.

Am 1. Advent durfte Eva mit Mama und Papa einen Wunschzettel ans Christkind schreiben. Und den Eltern schnürte es fast das Herz ab, als das kleine Mädchen, dass noch nicht einmal in die Schule ging, ihnen diktierte. 

Liebes Christkind,

ich wünsche mir ein großes Puzzle, einen Teddybären und viele, viele Bücher, aber, wenn du es schaffst, dass Weihnachten alle wieder zu uns kommen dürfen, wie im letzten Jahr, dann brauchst du mir gar nichts bringen.

Danke, deine Eva.

Papa erklärte, dass das Christkind den letzten Wunsch nicht erfüllen kann, aber dass am Hl. Abend Omama bei ihnen sein wird,“schau es sollen doch so wenige Menschen wie möglich zusammen kommen, merkte Papa an, und Omama lebt alleine und nur Mama und ich kaufen für sie immer ein, sie ist so einsam, darum haben wir beschlossen, dass sie die Feiertage zu uns kommt.“ „Nur Omama?“ „Dann wird es aber verdammt langweilig,“ sagte Eva traurig.

Nein, langweilig wird es bestimmt nicht, versprach Mama und steckte Eva’s Wunschzettel in ein rosarotes Kuvert und schrieb mit großen Buchstaben, An das Christkind, in Himmelstadt darauf. 

Am Hl. Abend holte der Vater Omama schon früh morgens von zu Hause ab, so konnten sie alle zusammen frühstücken. Danach ging jeder seinen Aufgaben nach. Omama Hilde und Mama hatten in der Küche zu tun. Papa sollte den Christbaum ins Haus holen und schmücken. Klein Eva die Krippenfiguren aufstellen.

Der Herr des Hauses war mit seiner Aufgabe schnell fertig. Jetzt musste sein Gesamtkunstwerk nur noch von seiner besseren Hälfte und Omama abgenommen werden. Beide beäugten sein Werk kritisch. Hier kannst du noch ein wenig mehr Lametta hin hängen, meinte Omama, die mit Argusaugen langsam den Baum umrundete, während seine Frau die eine oder andere Kugel umhängte „Das hast du im großen und ganzen gut gemacht, Roland,“ sagte sie anerkennend. „Ich muss zugeben, ich habe dir das gar nicht zugetraut.“ Tja, meine Talente werden immer unterschätzt“, lachte Roland und begann mit den Aufräumarbeiten.

„Was macht eigentlich Eva“, wollte Mama wissen.

Die hat bisher den Stall aufgebaut, das Stroh verteilt, die Tiere aufgestellt und war dann in ihrem Zimmer verschwunden, entsann sich Papa „Hat sie keine Lust mehr, fragte seine Frau.“ „Ich weiß nicht, entgegnete Vater, sie hatte schon einige Figuren aufgestellt, dann wieder weggenommen und jetzt hat sie sich in ihr Zimmer verschanzt. 

Die Familie ass zu Mittag. Kaum war Eva’s Teller leer, sprang sie vom Stuhl. Sie habe noch ganz viel zu tun, erzählte sie Omama. „ Schaffst du das Aufstellen der Krippe noch, bevor das Christkind kommt“, wollte die alte Dame von ihr wissen. „Ja das hoffe ich“, rief Eva und rannte den Gang hinunter.

Es war dunkel geworden. Mutter wollte die Geschenke unter den Lichterbaum stellen, aber sie hörte ihre Tochter noch im Wohnzimmer rumoren. Neugierig schaute sie durchs Schlüsselloch, ein paar Figuren aufzustellen, konnte doch ihre Kind nicht so überfordern, grübelte sie. Sie öffnete die Türe und fragte, „Schätzchen, kann ich dir irgendwie helfen?“

„Ja Mama“, wie war das noch einmal mit den neuen Vorschriften in der Pandemie. Ich habe jetzt für Maria, Josef, das Jesuskind, für alle Hirten und für die Heiligen drei Könige einen Mundschutz gebastelt, aber jetzt ist mir eingefallen, dass unsere Verwandten auch mit Mundschutz nicht zu uns kommen dürfen. Man muss Abstand halten, wer darf wann und wie zum Jesuskind? Mama ich bekomme das nicht auf die Reihe.“  Ich kann mich nicht entscheiden, wo sollen die Hirten stehen. Es sind alles Fremde, dürfen die überhaupt zum Jesuskind gehen, ach, ich kann mich einfach nicht entscheiden!

Soll ich einen Hirten heute da hin stellen“, Eva zeigte ganz an den Rand der Hütte, „ihn morgen wegnehmen und einen anderen Hirten neben die Krippe stellen, und was ist, wenn sich die Hl. Familie ansteckt, lieber doch erst eine Woche später wieder einen Hirten kommen lassen, du weißt schon Mama, wegen der Indu … Idiku… wie heißt das? Ich weiß einfach nicht was ich tun soll, vielleicht ist es am besten, wir lassen Weihnachten ganz ausfallen“, schrie Eva entnervt und stürzte sich in die Arme ihrer Mutter.

Roland der fassungslos die Szene von Weitem verflogt hatte, rief: „ Alle Hirten und die Hl. drei Könige bleiben dieses Jahr zu Hause in ihrer Schachtel! So weit kommt es noch, dass wir uns von einem Virus den Hl. Abend verderben lassen. Eva lauf schnell und mach dich hübsch, draussen wartet schon das Christkind!

@ Helga Kopp November 2020

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